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Stresemann (Bonner Anzug)

Der Bonner Anzug oder Stresemann ist ein kleiner Gesellschaftsanzug für den Tag. Er kann den Cutaway ersetzen, hat aber weniger offiziellen Charakter. Für Empfänge, Konferenzen, Trauungen, Begräbnisse, Taufe oder Firmung,offizielle Anlässe in der Politik und in der Diplomatie ist der Stresemann immer die richtige Wahl.

Cutaway und Stresemann
Cutaway und black lounge-suit (Stresemann) Quelle: Wikimedia Commons

Die Geschichte des Stresemann-Anzuges


Bis in die 1920er Jahre hinein galt der Cutaway als der große Gesellschaftsanzug des Tages für formelle Anlässe. In den 1920er Jahren löste der Stresemann den Cut als formelle Tageskleidung ab.


Der Anzug erhielt seinen Namen vom deutschen Reichskanzler und Außerminister Gustav Stresemann (1878-1929), der diese "neue" Variante der Festkleidung in Wiesbaden in Auftrag gegeben hat.


Zur Entstehungsgeschichte des Stresemann heißt es, Reichtsaußenminister Stresemann war leid gewesen, zwischen Büro und öffentlichen Auftritten immer den Anzug wechseln zu müssen. Während man in der politischen Öffentlichkeit nach damaligen Protokoll einen Cutaway tragen musste, dieser aber für den normalen Regierungsalltag im Büro zu unpraktisch und zu feierlich war, tauschte Gustav Stresemann den Cut, wenn er sein Ministerium betrat, gegen eine dem Gehrock ähnlische Jacke aus, die weil sie mittlerer Länge war, gerade noch zu den gestreiften Hosen des Cut-Anzuges getragen werden konnte, aber immer noch ausreichend bequem und schlicht war, um auf der Strasse und im Büro passend zu sein.


Stresemann ersparte sich so das Aus-und Anziehen einer anderen Hose und Weste, war doch der Trick des Stresemann-Anzuges gerade der, dass man nur das Cut-Jackett austauscht.


Am 1. Dezember 1925 wurden in London die Verträge von Locarno feierlich unterzeichnet. Da es sich um ein politisches Ereignis von großer Bedeutung handelte, schrieb die Kleiderordnung eine angemessene Kleidung vor, zu der eben auch ein Cutaway gehörte. Gustav Stresemann entschied sich dafür, statt eines Cutaway ein schwarzes, einreihiges Jackett zu tragen. Nach diesem Ereignis machten es viele Deutsche Stresemann nach und trugen ebenfalls ein schwarzes Jackett. Innerhalb kurzer Zeit wurde diese Art, sich zu kleiden, als Stresemann bekannt.


In den 1950er Jahren trugen sowohl der erste Bundespräsident Theodor Heuss als auch der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer den Stresemann häufig bei offiziellen Anlässen. Die Zeitungen nannten diesen Anzug deshalb auch "Bonner Anzug", weil Bonn damals Hauptstadt Deutschlands war.


Stresemann-Anzug

Stresemann-Anzug
Stresemann-Anzug Quelle: Wikimedia Commons

Ein Stresemann-Anzug besteht aus einem schwarzen Jakett, einer hellgrauen Weste (Begräbnis: schwarz) und einer grauen, umschlaglosen, gestreiften Hose (Stresemann-Hose).


Ein Stresemann unterterscheidet sich damit vom Cutaway im Wesentlichen durch das konventionelle, kurze Jacket.


Das schwarze Jakett ist ein einreihiges Sakko ohne Schlitz, Paspeltachen und einem Einstecktuch aus reiner Baumwolle in weiß. Dazu werden eine schwarze oder graue Krawatte sowie schwarze Schuhe (Socken: Kniestrümpfe schwarz aus Wolle) kombiniert. (Keine Lackschuhe)


Dazu gehört ein weißes Steh-oder Klappkragenhemd mit Umschlagmanschetten, die mit Manschettenknöpfen geschlossen werden. Ein formeller Hut wie Melone, Homburg oder Zylinder ist optional, auch ein Gehstock.


Stroller-Suit
Stroller-suit Quelle: Wikimedia Commons

Stroller suit und black lounge suit


Einen Stresemann nennt man stroller-suit in den USA und er heißt black Lounge Suit in Großbritannien. Ein Stroller-Suit ist als formeller Anzug mit konventionell langen, dunklen Jacket und schwarz-grau gestreiften Hosen getragen wird, beim Stroller auch mit doppelreihigem Jacket über der Weste. Aber er kann auch einreihig sein.


Ein black lounge-suit ist eine Fliege üblich gegensatz zum Stresemann. Winston Churchill war sehr bekannt, dass er black lounge-suit mit Schleife getragen hat. (Sieht Foto unten)


Der Stresemann- Anzug ist heutzutage fast ausgestorben, weil er weniger offiziell als ein Cut ist (Er sieht wegen des Jackettschittes ähnlich wie ein Anzug und man trägt lieber heutzutage einen Anzug im Büro). Der Cutaway widerum ist wieder beliebt, weil ein Gentleman einen Cut zu besondere Anlässe gerne trägt und eher selten zwischen Büro und öffentliche Auftritten wechselt.

Winston Churchill
Winston Churchill und Lounge-Suit Quelle: Wikimedia Commons

Vielen herzlichen Dank, dass Sie den Blogbeitrag durchgelesen haben, bleiben Sie stylisch!


Ihr Zoltan Balo



Literaturverzeichnis


Crompton, Simon: Die guten Dinge maßgeschneidert. München 2016.


Feyerabend F.V, Ghosh F.: Shapes and Style of Fashion. Formen und Stile der Mode. 3. Auflage, München 2011.


Gilewska, Teresa: Schnittkonstruktion in der Mode. Herrenkleidung. Zuschneiden und zusammennähen. München 2014.


Hopkins, John: Menswear/Herrenmode. Berlin 2011.


Körzdörfer, Norbert: Der moderne Gentleman's Guide. München 2021.


Roetzel, Bernhard: Gentleman Look Book. Postdam 2017.


Roetzel, Bernhard: Der Gentleman. Das Standardwerk der klassischen Herrenmode. Rheinbreitbach 2019.


Rusche, Thomas: Kleines Sør-Brevier der Kleidungskultur, Berlin 1992.


Sprenger, Ruth: Die hohe Kunst der Herrenkleidermacher. Wien 1960.


Starlay, Katharina: Der Stilcoach für Männer. Erfolgreich unterwegs in Job und Freizeit. 2. Auflage, Frankfurt am Main 2017.


Schüch-Schamburek, Irmie: Dresscode Man. Der Style Guide für den perfekten Auftritt. Wien 2010.


Bilder: Wikimedia Commons


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